Der Zug zum Hambacher Schloss am 27. Mai 1832. Kolorierte Federlithographie, um 1832.

Pilotprojekt Digitalisierung des Landes Rheinland-Pfalz: Digitalisierung der „Sammlung Biedermeier“
>> Stadtmuseum Bad Dürkheim <<

Im Rahmen einer Förderung durch das Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz war es dem Stadtmuseum Bad Dürkheim in Zusammenarbeit mit der Museumsgesellschaft möglich, einen bedeutenden Bestand seiner Sammlung „Biedermeier – zwischen Restauration, Hambacher Fest und Vormärz“ umfassend aufzuarbeiten und in Museum Digital zu veröffentlichen. Die Sammlung stellt eine wertvolle Quelle für die Ereignisse rund um das Hambacher Fest dar.

Eingebettet in die historischen Ereignisse der Eroberung der Pfalz durch französische Revolutionstruppen 1792, der zeitweisen Zugehörigkeit zu Frankreich und der folgenden Eingliederung in das Königreich Bayern werden im Stadtmuseum Bad Dürkheim die Vorgänge in Dürkheim rund um das Hambacher Fest bis zur Revolution 1848/49 als Schwerpunkt in der Dauerausstellung präsentiert. Zentrales Exponat ist die „Dürkheimer Winzerfahne“, mit der Bad Dürkheim über eines der symbolträchtigsten Zeugnisse zum Hambacher Fest verfügt.

Anlässlich des 200. Jubiläums des Hambacher Festes im Jahr 2032 plant die Stadt eine Sonderausstellung zum Hambacher Fest und den Ereignissen in Dürkheim. Die Objekte der Sammlung „Biedermeier – zwischen Restauration, Hambacher Fest und Vormärz“ sollen in einem Begleitkatalog zur Ausstellung publiziert werden. Die digitale Inventarisierung der Objekte diente hierfür als bedeutende Vorarbeit.

In den letzten Jahren wurden angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen immer wieder Parallelen zum Biedermeier gezogen. Verschärft durch die Pandemie, fand der während des ersten Lockdowns 2020 entstandene Begriff des „Corona-Biedermeier“ (so Stephan Grünewald in einem Zeit-Interview vom 15. August 2020) regen Widerhall. Die Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte ist insofern höchst aktuell.

Gefördert wurde das Projekt als Pilotprojekt Digitalisierung aus der Förderung für nichtstaatliche Museen der Landesregierung Rheinland-Pfalz.


ZUM STADTMUSEUM BAD DÜRKHEIM & SEINER SAMMLUNG

Als Kantonsvorort war Dürkheim zentraler historischer Schauplatz während der Ereignisse rund um das Hambacher Fest. Angefacht von der wirtschaftlichen Not der 1820er Jahre regte sich zunehmend Protest in der Bevölkerung gegenüber den bayerischen Behörden, deren verfehlte Zollpolitik unter anderem die Weinbauern zur Klage veranlasste, dass man zwar nichts zum Essen im Haus habe, dafür aber die Fässer im Keller voll Wein seien.

Im Dürkheimer Unternehmer und Weingutsbesitzer Johannes Fitz (1796–1868) fand man einen wortstarken Fürsprecher. Fitz, Mitglied des „Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins“, hatte im Stadtrat als Adjunkt bereits konkrete Hilfen für die Ärmsten durchgesetzt. Als Mitorganisator des Hambacher Fests führte er den Zug der Dürkheimer Winzer aufs Hambacher Schloss an, wo Fitz in seiner Rede um Unterstützung der polnischen Flüchtlinge nach dem niedergeschlagenen Aufstand gegen den russische Zaren 1831 warb.

Abb. 2: Hambach-Fahne; schwarze Fahne mit der Aufschrift: „Die Weinbauren müssen trauren“. Aus mehrlagigem Stoff genäht; ehemals an einem Holzstab mit Reißzwecken befestigt; der Schaft des Holzstabes ist schwarz bemalt, die Spitze gedrechselt; an der Spitze ist eine schwarze gedrehte Kordel befestigt.
Abb. 3: Hambacher Taschentuch mit den Protagonisten der Bewegung am 27.05.1832. In der Mitte eine Kopie des bekannten Stiches mit der Darstellung des Zuges auf das Hambacher Schloß. Kreisförmig darum angeordnet 16 benannte Männerporträts. In den Ecken die Personifikationen von Gerechtigkeit (u. re.) – Weisheit (o. re.) – Tapferkeit (o. li.) – Besonnenheit (u. li.). Dargestellt sind bekannte Liberale der damaligen Zeit. Nicht alle von ihnen hatten am Hambacher Fest teilgenommen. Das Taschentuch ist in mehreren Exemplaren überliefert, eines davon heute im Hambacher Schloß.

Die Sammlung, auf die das Stadtmuseum zurückgreifen kann, geht zurück auf das Jahr 1872, dem Gründungsjahr des „Alterthumsvereins für den Kanton Dürkheim“, des ältesten Vereins dieser Art in der Pfalz. Die Bestände befinden sich größtenteils im Eigentum der Museumsgesellschaft Bad Dürkheim und setzen sich neben Ankäufen und Dauerleihgaben vor allem aus Schenkungen örtlicher Familien zusammen. Der Schwerpunkt liegt auf Exponaten zur Stadtgeschichte. Mit ihren rund 25.000 Objekten aus den Bereichen Archäologie, Bildende Kunst, Kunsthandwerk und Alltagskultur sowie Archivalien zur Stadt-, Wirtschafts- und Regionalgeschichte ist die Sammlung nach der des Historischen Museums der Pfalz Speyer eine der größten in der Pfalz.

Angesichts der Relevanz der Sammlung ist die Erstellung eines umfassenden Bestandskatalogs ein dringendes Desiderat. Voraussetzung ist die detaillierte Erfassung und Aufbereitung der Objekte nach wissenschaftlichen Kriterien. Bei der digitalen Inventarisierung stützt sich das Museum überwiegend auf ehrenamtliche Kräfte der Museumsgesellschaft sowie auf freiberufliche Mitarbeiter:innen. Inzwischen sind über das Datenbanksystem „museum-digital“ etwa 75 % der Bestände erfasst, insgesamt also 18.929 Objekte, davon sind wiederum 4.253 mit ausführlicher Beschreibung online zugänglich [Stand 03/2021].

Der Sammlungsbereich „Biedermeier – zwischen Restauration, Hambacher Fest und Vormärz“ umfasst zahlreiche Zeugnisse aus der Zeit rund um das Hambacher Fest: Flugblätter, Tageszeitungen sowie Souvenirs und Symbole des politischen Protests, darunter auch ein „Hambacher Tuch“ und die „Dürkheimer Winzerfahne“. Die Originaldokumente und -objekte stellen eine wertvolle Quelle für die Ereignisse rund um das Hambacher Fest dar und zeichnen auch die darauffolgenden Ereignisse bis zur Revolution 1848/49 nach.

Abb. 4-6: Blätter aus einem Poesiealbum in Form einer buchförmigen Schatulle, um 1830: Die Schatulle enthält 52 lose Poesiebuchblätter, die von 1831 bis 1839 datiert werden können. Bei den Ortsangaben der Unterzeichnenden handelt es sich um umliegende Städte und Dörfer und um Bad Dürkheim selbst. Von links nach rechts: 1. Blatt 3: Rechts oben ist ein flötespielender Hirte mit Schafen und Hütehund dargestellt. Die Szene wird von zwei Laubbäumen eingerahmt. | 2. Blatt: „Wirth und Sieben Pfeifer lebe hoch“, 1 Seite; Neustadt, um 1832 | 3. Blatt 46: In die Mitte des beschrifteten Blattes ist ein abgeschnittenes Stück Stoffband in den Farben Schwarz – Gold – Rot geklebt.


ZUM INVENTARISIERUNGSPROJEKT: SAMMLUNG BIEDERMEIER

Im Förderzeitraum 2021 konnte ein zusammenhängendes Konvolut aus 79 relevanten Sammlungsstücken aus dem Sammlungsbereich „Biedermeier – zwischen Restauration, Hambacher Fest und Vormärz“ aufgearbeitet und in Museum Digital vorgelegt werden.

Mit einer Fördersumme über 10.000 Euro wurden die zu Verfügung stehenden Mittel für die Bestandsaufnahme ergänzt und zusätzlich zu einer hauptamtlichen und einem ehrenamtlichen Mitarbeitenden vier freiberufliche Kräfte (1 Historiker:in, 2 Archäolog:innen, 1 Stadtführer:in) mit der Aufarbeitung des speziellen, historisch fest umrissenen Themenbereiches betraut. In diesem Rahmen wurde außerdem die Inventarisierung von Neuerwerbungen und die Aufarbeitung der Altinventarisierung nach den Maßstäben von „museum-digital“ einheitlich organisiert.

Den chronologischen Rahmen der inventarisierten Sammlung bildet die Zeit zwischen 1815 und 1848, deren politische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen den Deutschen Bund und besonders die Pfalz nachhaltig geprägt haben. Die nach dem Wiener Kongress vorangetriebene politische Restauration brachte mit dem Biedermeier eine bürgerliche Strömung hervor, die durch den Rückzug ins Private und eine Hinwendung zu Kunst und Kultur charakterisiert war. Zugleich formierte sich eine liberale Opposition, die nach nationaler Einheit und Demokratie strebte und in der Rückschau die Epoche unter dem Begriff Vormärz definierte. Inmitten dieses Spannungsfeldes steht das Hambacher Fest von 1832 als herausragendes Ereignis deutscher Demokratiegeschichte.

Das Museum besitzt einen breit gefächerten Fundus an Gegenständen mit Bezug zum Hambacher Fest bzw. dem beschriebenen Zeitraum. Sie stehen beispielhaft für die Sachkultur des aufstrebenden deutschen Bildungsbürgertums, dessen Selbstverständnis sich in der Bildenden Kunst, der Wohnkultur und der Mode niederschlug, oder sind Sinnbilder für die oppositionelle Gedankenwelt ihrer Zeit. Einige Stücke sind von nationaler Relevanz. Die im Rahmen des Projekts zu erfassenden Bestände umfassten:

  • 62 Objekte und Dokumente aus dem Umfeld des Hambacher Fests, darunter die sogenannte Winzerfahne, die neben der schwarz-rot-goldenen Fahne mit der Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“ beim Festzug mitgeführt wurde und literarischen Niederschlag in zeitgenössischen Beschreibungen fand, daneben Flugblätter, Tageszeitungen sowie Souvenirs und andere Zeichen des politischen Protests, z.B. ein sogenanntes „Hambacher Tuch“.
  • 12 Porträts, darunter Werke der beiden Maler Jakob Wilhelm und Carl Roux, die Bad Dürkheimer Persönlichkeiten zeigen, so den Ungsteiner Pfarrer Georg Philipp Friedrich Leopold und seine Familie, die enge Beziehungen zur Familie des Gelehrten, Dichters und Übersetzers Johann Heinrich Voß unterhielt.
  • Kleidungsstücke aus bisher nicht eingehend gesichteten Bestände an Textilien. Dabei handelt es sich vorwiegend um Frauenmode aus dem Besitz wohlhabender Dürkheimer Familien, die ab dem frühen 19. Jahrhundert von den neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten profitierten und besonders im Weinbau erfolgreich waren.
  • Mobiliar, Inventar wie z.B. Gläser und sonstige Gegenstände.

Abb. 7: Hampelmann; „Reichsverweser Ferdinand“; Karikatur des Reichsverwesers Erzherzog Johann von Österreich.
Abb. 8: Freischärlerkappe aus schwarzem Leder; mit Leder überzogenem Schild; rote Kordel am unteren Ende; mit schwarz-rot-goldener Kokarde; Schweißband aus braunem Leder; Innenfutter aus blauer Seide; 1849

Die Erfassung der Objekte erfolgte vor Ort sowohl in den Depoträumen der Museumsgesellschaft als auch in den Depoträumen des Stadtmuseums. Alle Objekte wurden hochauflösend fotografiert oder eingescannt. Im Rahmen des Projekts erfolgte außerdem eine vollständige Transkription der Flugblätter und Druckschriften mittels OCR-Systems (automatisierte Texterkennung) für Frakturschrift. Dies hat den Vorteil, dass die eingescannten Schriftdokumente über die Volltextsuche von museum-digital auch inhaltlich recherchierbar sind.

Nach der Aufarbeitung erfüllen alle Objekte den Qualitätsindex von museum-digital (d. h. „der Balken ist grün“). Sie sind durchweg mit Ereignissen, Schlagwörtern und weiterführenden Links versehen, so dass sich die Objekte auch einem Publikumskreis erschließen, der nicht mit der Materie vertraut ist. Zusammengehörige Objekte wie z. B. Schriftreihen wurden miteinander verlinkt. Dies erleichtert die Navigation zwischen den Objekten.

Neben der Erstellung eines Bestandskatalogs „Biedermeier – zwischen Restauration, Hambacher Fest und Vormärz“, der online abrufbar sein wird und Eingang findet in eine Publikation zum Thema „Bad Dürkheim und das Hambacher Fest 1832“, werden die generierten Daten per LIDO-Austauschformat an die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) weitergegeben und voraussichtlich im ersten Halbjahr 2022 veröffentlicht. Geplant ist außerdem eine entsprechende virtuelle Ausstellung mit dem Themator, in die das digitalisierte Sammlungskonvolut eingebunden sein wird.

Sammlung in Museum Digital einsehen

PDF-Katalog „Sammlung Biedermeier“

RECHTE

Abb. 1: Erhard Joseph Brenzinger, Public Domain, via Wikimedia Commons
Abb. 2: Stadtmuseum Bad Dürkheim, Museumsgesellschaft Bad Dürkheim e.V. / Stork, Karl
[CC BY-NC-SA]
Abb. 3: Stadtmuseum Bad Dürkheim im Kulturzentrum Haus Catoir / Gisela Michel [CC BY-NC-SA]
Abb. 4: Museumsgesellschaft Bad Dürkheim e. V. / Hans-Günter Förster [CC BY-NC-SA]
Abb. 5: Museumsgesellschaft Bad Dürkheim e. V. / Hans-Günter Förster
[CC BY-NC-SA]
Abb. 6: Stadtmuseum Bad Dürkheim im Kulturzentrum Haus Catoir / Gisela Michel
[CC BY-NC-SA]
Abb. 7: Stadtmuseum Bad Dürkheim, Museumsgesellschaft Bad Dürkheim e.V. / Stork, Karl [CC BY-NC-SA]
Abb. 8:
Stadtmuseum Bad Dürkheim, Museumsgesellschaft Bad Dürkheim e.V. / Stork, Karl
[CC BY-NC-SA]