Ein Beitrag von Dr. Rainer Reinecke für den Heimatverein „Alter Krug“ Zossen

Im Frühjahr 2019 nahm im Vorstand des Heimatvereins „Alter Krug“ e.V. in Zossen ein für den Verein ambitioniertes Digitalisierungsprojekt Formen an. Günter Scheike, der Vater der Vereinsvorsitzenden Karola Andrae, arbeitete in Zossen über viele Jahre als Berufsfotograf. Zusammen mit seiner Frau Ilse betrieb Scheike das Fotogeschäft „Fotofreund Scheike“. Die Scheikes hinterließen einen Bestand von 5000 Negativen mit Ortsansichten aus gut 500 Orten der DDR. Im Zuge eines Förderprojekts wurde dieser Bestand mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Jahr 2020 digitalisiert und auf der Museumsplattform museum-digital veröffentlicht.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Der Fotobetrieb „Fotofreund Scheike“ in Zossen verzeichnete 1961, dank eines öffentlichen Auftrages zur Herstellung von Fotokopien aus Mikroverfilmungen des deutschen Patentamtes, sehr gute Umsätze. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde plötzlich alles anders. Der Auftraggeber saß in Westberlin, damit war der Großauftrag geplatzt. Eine neue Einnahmequelle musste her. In den folgenden zehn Jahren reiste Günter Scheike durch die DDR und fotografierte in Ortschaften, neben den die Orte prägenden Kirchen, Burgen und Schlössern, vor allem Straßen und Plätze außerhalb der gängigen Postkartenmotive. Viele colorierte und gerahmte Bilder wurden in die BRD verschickt. Sie erinnerten ehemalige DDR-Bürger an Orte, in denen sie zuvor gelebt hatten, in denen Hochzeiten gefeiert wurden, in denen jemand aus der Verwandtschaft konfirmiert wurde oder die Kommunion empfangen hatte. Großen Absatz fanden die Bilder auch an Standorten sowjetischer Garnisonen als Andenken für Soldaten und Offiziere. Verkauft wurden die Fotos zumeist über den Dorfkonsum oder andere Geschäfte in den einzelnen Orten. Dank der Nachfrage beschäftigte „Fotofreund Scheike“ zeitweilig bis zu sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Recherchen zu über 500 Orten

Im Oktober 2020 präsentierten wir unser Digitalisierungsprojekt vor geladenen Gästen im Rathaus Zossen. Wir hatten urprünglich geplant, 500 bis 1000 Fotos mit entsprechenden Metadaten auf museum-digital:Brandenburg zu veröffentlichen. Dank der Mitarbeit einer geförderten Honorarkraft konnten wir bis heute 1638 Fotos von 216 Orten einstellen. Die Arbeit geht weiter, bis wir alle 501 Orte dargestellt haben. Auf den Behältnissen der Negative war lediglich der Ort vermerkt. Zu allen markanten Bauwerken, Kirchen, Burgen, Herrenhäusern und Schlössern musste nachrecherchiert werden. Konnte das Internet keine Auskunft geben, nahmen wir Kontakt zu den örtlichen Heimat- und Geschichtsvereinen, Ortsbürgermeistern und Museen auf.

Und wie geht´s weiter?

Unsere beiden Museen, das Museum „Alter Krug“ und das Schulmuseum, verfügen über zahlreiche Schätze. So bewahrt das Museum „Alter Krug“ eine Sammlung von historischen Dokumenten, Urkunden und Siegelbriefen vor allem aus dem 17. bis 19. Jh.. Natürlich haben diese einen Bezug zu Zossen, sind aber durchaus überregional von Bedeutung. Ein Themenportal ähnlich dem Portal „Brandenburger Fotografinnen und Fotografen„, könnte auch für Dokumente und Briefe entstehen. Sie würden Geschichtskenntnisse untermauern. Zeitlich und räumlich geordnet, könnten sie für Geschichtsstudenten ebenso interessant sein, wie als Anschauungsmaterial im Geschichtsunterricht.

Jüdische Geschichte

Ein Mitglied unseres Partnervereins Bildung und Aufklärung Zossen e.V. hat intensiv zum jüdischen Leben vor und während der NS-Zeit geforscht. Dokumente, Zeitbelege, Protokolle von Zeitzeugenbefragungen: all das ist vorhanden und in Ausstellungen und Vorträgen zum Teil vorgestellt worden. Wie erfahren aber andere, die nicht im Umkreis von Zossen wohnen und vielleicht sogar zur selben Thematik in ihrer Region geforscht haben, davon?

Stadtchronik

Zossen hat für die Zeit vor 1945 kein Stadtarchiv, ob abgebrannt oder bewusst vernichtet, ließ sich bisher nicht aufklären. Der Heimatverein ist aber im Besitz eines der wenigen Exemplare der vom Stadtschreiber Louis Günther verfassten Stadtchronik, die bis 1938 reicht. Selbst in Zossen kennen nur wenige diese Chronik. Sie ist jedoch auch überregional von Bedeutung, denn durch die wechselnden Machtverhältnisse ist die Geschichte Zossens eng mit der Geschichte Preußens, Sachsens und Sachsen-Anhalts verknüpft.

Schulgeschichte

Die Kolleginnen und Kollegen des Schulmuseums, fast ausschließlich ehemalige Lehrerinnen und Lehrer, haben Gegenstände, Fotos, Lehrbücher bis ins 18. Jahrhundert hinein zusammengetragen. Sie haben auch zur Geschichte des Schulwesens eigene Forschungen betrieben. Einige Ergebnisse wurden in Ausstellungen präsentiert oder auch im Heimatkalender des Teltow-Fläming publiziert. Wenn diese auch im Internet veröffentlicht werden würden, hätten andere Schulforscher die Chance ihre eigenen Ergebnisse zu vergleichen, Analogien oder auch gravierende Unterschiede herauszuarbeiten.

Last but not least

Zu guter Letzt sei noch der Nachlass unseres weit über Zossen bekannten Heimatforschers Klaus Voeckler erwähnt, welchen der Heimatverein erworben hat. Dieser Nachlass umfasst mehr als 200 prall gefüllte Ordner, viele Originaldokumente und handschriftlich verfasste Aufzeichnungen. Dies erst einmal alles zu sichten und zu katalogisieren wird eine Mammutaufgabe sein. Spannend und interessant für eine breite Öffentlichkeit wird dieser Nachlass erst dann, wenn er auch zugänglich ist. Wenn er digitalisiert wird und im Internet veröffentlicht werden würde. Vielen Dokumenten und Aufzeichnungen bekommt es bestimmt nicht gut, wenn sie durch viele Hände gehen.

Sollen solche Projekte nicht nur Vision bleiben, braucht es Zeit, Geld und Personal. Ressourcen, die bei unserem Verein, wie bei vielen kleinen Vereinen und Museen, leider kaum vorhanden sind.

Der Blogbeitrag ist Teil der Reihe „Brandenburgische Museen digital“ und wird redaktionell vom Museumsverband des Landes Brandenburg e.V. betreut. www.museen-brandenburg.de/aktivitaeten/projekte/digitalisierung/

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