Ein Beitrag von Alexandra Majorov für die Historische Mühle von Sanssouci, Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg e.V.

Die zum UNESCO-Weltkulturerbe der Parks und Schlösser gehörende Historische Mühle von Sanssouci betreibt die Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg e.V. im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG). Aufgabe des Vereins ist es, historische Mühlen als technisches Kulturgut zu erhalten sowie Mühleneigentümer fachlich zu vertreten und zu beraten. Hierzu gehört die Weitergabe von handwerklichem Wissen und Fertigkeiten im Umgang mit historischen Mühlen unterschiedlicher Nutzungsarten.

Neben den technischen Gegenständen besitzt die Mühlenvereinigung seit Sommer 2020 ein Konvolut an kulturhistorischen Gegenständen, die zum größten Teil aus dem Besitz einer mühlenbegeisterten Berlinerin stammen. Die verschiedenen Objekte bilden die Mühle jenseits ihrer Funktion als Maschine und der damit verbundenen harten Arbeit ab. Die Mühle wird als Landschaftselement mit einem verklärten Blick gesehen. Das idyllische Bild eines ländlichen Lebens entsteht und spiegelt die Faszination von Mühlen wider.

Als die Historische Mühle im Herbst 2020 coronabedingt geschlossen werden musste, startete das Digitalisierungsprojekt zu den romantischen Mühlenobjekten. Die neuen Gegenstände wurden fotografiert und in museum-digital.de eingepflegt, um auch bei geschlossenem Museum einen Einblick in die komplette „Romantik-Sammlung“ zu geben. Eine Auswahl des Konvoluts wird seit der Wiedereröffnung im Frühjahr 2021 in der kulturgeschichtlichen Abteilung des Mühlenmuseums ausgestellt. Zusätzlich können Besucher:innen die Online-Ausstellung „Romantischer Blick auf die Mühlen“ und die Sammlung über einen QR-Code bei museum-digital einsehen.

Die meisten der Objekte entstammen einer touristischen Massenproduktion, die an die Vorstellung aus der Zeit der Romantik anknüpft. Die handwerkliche Mühle in ländlicher Idylle ist das Thema, das Klischees bedient und sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Musik und der Literatur seit dem 19. Jahrhundert mit der Mühle in Verbindung gebracht wird. Die Mühle wird nicht als Maschine gezeigt und ist ohne einen Ortsbezug.

Als Archetypus erscheinen Holländer- und Bockwindmühlen. Gelegentlich sind es Galerieholländermühlen, bei denen für die Bedienung des Sterzes bzw. zum Erreichen der Mühlenflügel eine Galerie dient.

Die Bockwindmühle ist entwicklungsgeschichtlich der älteste Mühlentyp im europäischen Raum. Hier sitzt der gesamte Mühlenkörper auf dem Bock und wird mit Hilfe des Sterzes komplett um die eigene Achse in den Wind gedreht.

Die abgebildete Segelwindmühlen aus dem Mittelmeerraum bilden eine eigene Kategorie der Souvenirs, die die Sehnsucht nach der Ferne und dem Süden darstellte. Sie sind in Griechenland, Spanien, Portugal und Nordafrika verbreitet, wo der konstanten Küstenwinde kein Drehen der Flügel nötig ist.

Auffällig sind die Farben des Mühlensouvenirs, die häufig in blau und weiß gehalten sind. Das sogenannte „Delfter Blau“ wird seit dem 17. Jahrhundert in der Stadt Delft (Provinz Südholland zwischen Den Haag und Rotterdam) hergestellt. Es handelt sich um Töpferware, die eine günstigere Version des echten chinesischen Porzellans darstellen sollte. Delfter Ware wird aus Ton gefertigt, der nach dem Brennen mit einer Zinnglasur überzogen wird. Obwohl es kein echtes Porzellan ist, erlangte Delfter Ware unnachahmliche Beliebtheit. Zwischen 1600 und 1800 war Delft einer der wichtigsten Steingut-Produzenten in Europa – die Delfter Ware war beliebt und wurde von reichen Familien auf der ganzen Welt gesammelt.

Es ist davon auszugehen, dass die Bedeutung der Flügelstellung im Mühlensouvenir wohl hinter das ästhetische Erscheinungsbild tritt. Nach alter Tradition der Mühlensprache kann der Müller durch Stellung der Flügel im ruhenden Zustand verschiedene Aussagen treffen, auch wenn die einzelnen Signalvereinbarungen je nach Ort stark voneinander abweichen.

Die in den Objekten überwiegende Schere im Andreaskreuz entspricht der Aussage: „Die Mühle ist nicht betriebsbereit.“ Diese Flügelstellung ohne Segel hatte bei einem heraufziehenden Gewitter den praktischen Zweck, die Gefahr von Blitzeinschlägen zu minimieren. Die senkrechte Stellung bedeutet bei Flügeln ohne Segeln eine lange Arbeitspause oder das Ende der Tagesarbeit. Waren die Segel in der senkrechten Stellung mit Tuch bespannt, signalisierte der Müller fehlendes Mahlgut; ein möglicher Kunde konnte sofort bedient werden.

Mit dieser Trivialisierung und Reduzierung des Mühlenhandwerks reihen sich die Sammlungsobjekte in die Kategorie des Souvenirs ein. Der Begriff – aus dem Französischen ‚se souvenir‘: „sich erinnern“ – bürgerte sich erst im 19. Jahrhundert als Synonym für Reiseandenken ein. Ihren Ursprung haben die Reisemitbringsel bei den Pilgern und Kaufleuten im Mittelalter, als Reisen viele Gefahren in sich barg. Sie brachten Steine, Wässerchen oder Öle von heiligen Orten mit sich. Wer es sich leisten konnte, kaufte kostbare Reliquien.

Kunstgegenstände und Bücher brachten die europäischen Adligen von ihren Bildungsreisen seit dem 16. Jahrhundert für ihre Sammlungen mit. Erst der technische Fortschritt ermöglichte die Entwicklung des internationalen Tourismus: Der Grundstein für die Reiseleidenschaft der Gesellschaft wurde mit der Eisenbahn, später dann mit dem Auto und dem Flugzeug gelegt.

Das hatte Auswirkung auf die Reiseandenken.  Sie wurden zur Massenware, bei der die Preise und somit der Materialwert der Erinnerungsstücke sanken. Die stilisierten Andenken reduzieren den Ort auf das vermeintlich Charakteristische. Die Auswahl an Souvenirobjekten erweiterte sich hingegen: Dosen, Becher, Schlüsselanhänger, Wandteller, Bekleidung, Regenschirme, Figuren und vieles mehr können Reisende heutzutage als Erinnerungsstück erwerben.

Und obwohl die meisten Objekte wie Gebrauchsgegenstände daherkommen, werden die wenigsten von ihnen wirklich genutzt. So findet sich die Mühle als romantisiertes Objekt auf Tellern, Tassen oder gar Topflappen wieder. Die Mühlensouvenirs stellen sich im kulturhistorischen Kontext auf besondere Weise in die Reihe der Reiseandenken: Sie verkörpern zum einen das Vergessen der eigentlichen Aufgabe einer Mühle als Produktions- und Arbeitsstätte für das tägliche Brot. Zum anderen wird sie aus einer „einfachen Mühle“ in die Sphäre der Kultur gehoben, indem sie auf idyllisch-nostalgische Weise für den Tourismus freigegeben wird.

Alle Abbildungen: Historische Mühle von Sanssouci, Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg e.V. / Majorov, Alexandra [CC BY-NC-SA]

Der Blogbeitrag ist Teil der Reihe „Brandenburgische Museen digital“ und wird redaktionell vom Museumsverband des Landes Brandenburg e.V. betreut. www.museen-brandenburg.de/aktivitaeten/projekte/digitalisierung/